Urheberrecht: Wir brauchen eine starke EU

eu-fahneIch hatte diese Woche eine sehr nette Unterhaltung mit einem Vertreter der Musikindustrie. Wir haben über das Urheberrecht diskutiert.

Aus meiner Sicht war die Leerkassettenvergütung eine gute Sache. Für Künstler / Urheber – aber vor allem auch den Konsumenten – also uns alle. Vor der Einführung der Leerkassettenvergütung war das aufzeichnen von Urheberrechtlich geschützten Werken (z.B. das aufnehmen einer Fernsehsendung, oder zu meiner Zeit – das aufnehmen der Hitparade mit Udo Huber auf Ö3) eigentlich illegal. Aber alle haben das natürlich gemacht. Heerschaaren von Schülern saßen Sonntag Abend vor dem Kassettenrecorder und haben versucht die Musik so auf Magnetband zu bekommen, dass sie vollständig war, und nicht gerade der Moderator oder Verkehrsfunk dazwischengequatscht hat.

Für die Jugendlichen die jetzt nicht wissen was ein Kassettenrecorder war – das war ein Gerät mit dem Musik aufgezeichnet, und wieder abgespielt werden konnte. Das ist also so etwas ähnliches wie heutzutage ein iPod oder MP3 Player.

Die Jugendlichen haben dann natürlich auch perfekt gelungene Musikkassetten (also MP3 Zusammenstellungen) and ihre Schulkollegen weitergegeben. Was natürlich noch unerlaubter war. (Das wäre also heutzutage der Austausch von MP3 Dateien).

Die Einführung der Leerkassettenvergütung (der Vorgänger der vielzitierten Festplatten- oder Leermedienabgabe) – hatte zwei Ziele:

  1. Die oben beschriebenen Jugendlichen sollten nicht mehr kriminalisiert werden
    Kasetten Aufnehmen und Kopieren war illegal. Jeder hat es aber gemacht. Sogar die Erwachsenen haben den Musikantenstadel (gab’s den damals schon?) auf Videokassetten aufgenommen. Also alle waren böse.
  2. Die Urheber (Künstler, Autoren, …) sollten für den durch das Kopieren entgangenen Verdient entschädigt werden.
    Dadurch dass die Musikstücke oder Filme, oder andere Werke kopiert wurden entging den Künstlern ein Gesschäft. Suzie Quattro wurde bei Ö3 einfach aufgenommen, statt sich eine Schallplatte (der Vorgänger der MP3 Zwinkerndes Smiley) zu kaufen.

Beides wurde durch die Einführung der Leerkassettenvergütung gelöst. Plötzlich durften die Kids die Musik im Radio aufnehmen und tauschen. Die private Weitergabe war plötzlich legal. Niemand musste sich mehr fürchten.

Als Gegenleistung wurde auf jede verkaufte Leerkassette – später auf CD’s oder DVD’s ein (kleiner) Obolus eingehoben. Dieser Obolus wurde dann auf die Künstler / Urheber verteilt um sie für den entgangenen Verdienst zu entschädigen.

Die Leerkassettenvergütung war also eine gute Sache. Eine Win/Win Situation für beide Seiten.

Was wir heutzutage bräuchten wäre also eine neue Leerkassettenvergütung.

Wie ist die Situation heute: Musik wird nicht mehr bei Ö3 heruntergeladen. Heutzutage verwendet man Peer2Peer Netzwerke wie EMule oder BitTorrent (verzeiht wenn ich nicht am aktuellen Stand sein sollte Zwinkerndes Smiley). EMule entspricht in etwa dem tauschen der Musikkassetten am Schulhof. Nur es ist wieder illegal. Warum? Weil die Technologie per se nicht zwischen zwei Personen Musik tauscht die sich kennen – sondern weil die Musik hier öffentlich angeboten wird. Das ist illegal. Alle unsere Kids stehen also wieder mit einem Fuß im Gefängnis. Wir sind wieder dort wo wir auch am Anfang waren.

Es kauft niemand mehr Leerkassetten (weil nicht einmal viele mehr wissen was das überhaupt war) – und die Verkäufe von DVD’s und CD’s gehen massivst zurück. Auf der anderen Seite werden auch immer weniger CD’s in Geschäften gekauft. Auch Filme werden immer weniger gekauft weil die Welt digital geworden ist. Die CD’s werden mittlerweile entweder online gekauft oder eben über P2P getauscht. Daher werden vielen Künstlern, Autoren, Urhebern die Existenzgrundlage entzogen.

Wir stehen also sozusagen wieder am Anfang. Die Leerkassettenvergütung (Leermedienabgabe) funktioniert nicht mehr. Wir brauche daher eine neue Lösung.

Die neue Lösung müsste die Jugendlichen wieder entkriminalisieren (Peer 2 Peer Börsen müssten legalisiert werden) auf der anderen Seite müssten die Urheber wieder für private Kopien entsprechend entschädigt werden.

Viele – vor allem die Verwertungsgesellschaften die derzeit die Leermedienabgabe kassieren und verteilen sehen die einzige Lösung in der Einführung einer Festplattenabgabe (bzw. gleich sicherheitshalber auf alle Speichermedien – wie Speicherkarten oder auch im Handy verbauten Hauptspeicher). Die Idee ist bestechend einfach. Früher hat man auf Leerkassetten (Musik, VHS) gespeichert, später auf CD und DVD. Jetzt speichert man auf Festplatten – und es wird viel mehr gespeichert als früher (weil ja alles illegal kopiert wird). Also muss eine Abgabe auf die neuen Speicher her. Das ist logisch – weil früher auch Speicher “besteuert” wurden – und Festplatten und SD Karten sind halt die neuen Speicher. Zudem wäre so eine Abgabe treffsicher weil man wieder (zumindest halbwegs) fair und “Verbrauchsabhängig” speichert.

Aus meiner Sicht ist diese Sicht aus mehreren Gründen nicht korrekt:

  1. Früher hat man auf Musikkassetten oder Videokassetten (fast) ausschließlich Musik oder Vidos gespeichert. Das traf vielleicht auch noch halbwegs auf CD’s oder DVD’s zu – wenn auch schon weniger. Auf Festplatten (oder auch Speicherkarten) werden aber eben auch sehr viele Dinge gespeichert die überhaupt keine urhebergeschützten Werke betreffen. (von den installierten Programmen und Daten angefangen – über eigene Fotos und Urlaubsvideos, ….)
  2. Die Verfechter der Leermedienabgabe gehen davon aus, dass man gerne eine Entschädigung hätte für den Verdienstentgang durch die illegalen Kopien. Das wäre in Ordnung – aber dann müsste man diese Technologien auch legal machen. D.h. wäre eine Legalisierung von EMule & Co notwendig.

Spannend war jetzt was eben ein Vertreter der Musikindustrie darauf gesagt hat: Stellen Sie sich doch einmal vor, was die Amerikaner tun, wenn wir Tauschbörsen in Österreich legalisieren. Wir wären sofort als die Piraten abgestempelt und die US Musikindustrie würde gegen Österreich ins Feld ziehen. Da 90% aller urheberrechtlich geschützten und in Österreich aufgeführten Werke aus den USA stammen (und der staatliche Rundfunk fördert das auch sehr) hat die USA ein großes wirtschaftliches Interesse, dass in Österreich P2P nicht legal wird. Sie würden vermutlich alle Hebel in Bewegung setzen das zu verhindern.

Was lernen wir also daraus? EIne enorme Abhängigkeit von jemand anderem tut uns nicht gut. Nicht im Bereich der Musik & FIlmindustrie in den USA – und auch nicht im Bereich des Erdgases wo es zufällig die Russen sind. Österreich hat nur eine Chance hier dagegen zu halten, wenn wir unser Kleinhäuslertum aufgeben und uns als “Europa” zusammentun. Wir müssen uns gemeinsam aufstellen und gemeinsam unsere Europäischen Interessen vertreten. Das Urheberrecht ist nicht (alleine) von Österreich lösbar. Unsere Welt ist Global geworden.

Zum anderen sollte Europa versuchen auch die Mediale Abhängigkeit zu reduzieren. Wenn es eine stärkere Musik / FIlm- Buch, … Industrie in Europa gäbe würde sich die Abhängigkeit reduzieren und man hätte auch etwas im Tausch anzubieten. Nur so kann man auf Augenhöhe verhandeln.

Derzeit verhindern die vielen Interessen der einzelnen Nationalstaaten aber dass man zu vernünftigen gemeinsamen Lösungen innerhalb der EU kommt. Jedes Land hat in der EU ein Veto Recht – das natürlich eingesetzt wird wenn irgend ein Land wieder irgendwo im Sinne des Gemeinwohls einen kleinen Abstrich machen müsste. Daher kommt es in der EU oft zu keinen Entscheidungen – wo es um wichtige Dinge geht. Die vielzitierte Krümmung der Gurken ist einfacher durchzusetzen als einem großen Nachbarn auf die Zehen zu steigen – wo man selbst wirtschaftliche Interessen hat. Es braucht eine starke EU – nur die kann großen Konzernen und anderen Staatenbünden auf Augenhöhe gegenübertreten.

Wir diskutieren das Thema auf unserem cc-Camp’14 am 14. Juni 2014. Gäste herzlich Willkommen!
http://cc-camp.at